Pressemitteilungen | 28.09.2026

Schizophrenie-Forschung auf Welt-Niveau

Prof. Dr. Peter Falkai erhält die bedeutendste Auszeichnung der World Psychiatric Association (WPA), den Jean-Delay-Preis
Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des LMU-Klinikums, Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, wird geehrt für seine jahrzehntelang herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Psychiatrie. Falkais wissenschaftlicher Fokus liegt auf psychotischen Erkrankungen. Insbesondere beschäftigt er sich mit den neurobiologischen Grundlagen kognitiver Defizite bei der Schizophrenie und arbeitet aktuell an der Entwicklung neuer Medikamente auf diesem Gebiet – die Patienten immer im Blick. Der Preis wurde ihm am 26. September beim Kongress der WPA in Stockholm verliehen.
Prof. Dr. med. Peter Falkai, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LMU Klinikum München und Direktor am Max-Planck-Institut für Psychiatrie

„Überrascht“ war er schon, als er von der Ehrung erfuhr, sagt Peter Falkai. Immerhin sind erst zehn Psychiater weltweit in den Genuss des Jean-Delay-Preises gekommen, benannt nach einer prägenden Figur der modernen Psychiatrie. Entsprechend sind die wissenschaftlichen Beiträge der Ausgezeichneten über biologische, psychologische oder soziale Aspekte – oder der sinnvollen Verknüpfung dieser Aspekte – von erster Güte. Aber allzu schwer dürfte es der internationalen Expertenjury, die den Preisträger wählt, nicht gefallen sein, auf den Namen Peter Falkai zu kommen.

Denn was der Psychiater in den vergangenen Jahrzehnten auf die Beine gestellt hat, ist medizinische Forschung in bester Manier. Sein Fokus liegt auf jenen Patienten, die trotz leitliniengerechter Behandlung eine schlechte Prognose haben, was wesentlich an ihren ausgeprägten kognitiven Defiziten liegt. Diese Form, historisch als „Dementia praecox“ beschrieben, führt dazu, dass Betroffene selbst einfache Alltagsanforderungen nicht mehr bewältigen können. „Das zentrale Problem ist die gestörte Kognition“, erklärt Falkai. „Und wir wissen bis heute nicht ausreichend, woher das kommt und wie wir sie effektiv behandeln.“

Eine Störung der Verbindungen

Ein Wendepunkt in seiner Forschung war die Erkenntnis, dass die Gehirne von Menschen mit Schizophrenie anatomisch weitgehend normal erscheinen. Falkais Erkenntnis: „Die Störung liegt nicht in den Nervenzellen selbst, sondern in ihrer Konnektivität“ – also den Verbindungen und der Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu regenerieren. Diese Plastizität ist insbesondere im Hippocampus beeinträchtigt, einer Region, die für Gedächtnis und Lernfähigkeit entscheidend ist.

Um diese Plastizität therapeutisch zu beeinflussen, initiierte Falkai vor rund 20 Jahren eine Serie von „Sportstudien“. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Regelmäßiges Ergometer-Training – dreimal wöchentlich über drei Monate – verbessert nicht nur Symptome und Aufmerksamkeit, sondern führt auch zu einer Volumenzunahme des Hippocampus. Rund 40 bis 50 Prozent der Patientinnen und Patienten profitieren deutlich, einige erreichen sogar eine vollständige anhaltende Symptomfreiheit (Remission). „Intensive Bewegung“, so Falkai, „wirkt wie ein Wachstumsschub für das Gehirn.“

Eine Störung der Myelin-Reifung

Die Frage nach dem zugrunde liegenden Mechanismus führte zu genetischen Analysen und zur Identifikation einer gestörten Myelin-Reifung. Die Myelin-Hülle um die Nervenfasern, produziert von bestimmten Zellen (Oligodendrozyten), ist essenziell für die schnelle Signalübertragung im Gehirn. „Bei einem Teil der Betroffenen reifen diese Zellen nicht richtig – ein Prozess, der durch Sport normalisiert werden kann“, wie der Jean-Delay-Preisträger sagt.

Ein weiterer Durchbruch gelang mit der Anwendung des Biomarkers „Neurofilament Light Chain“ (NFL) im Blut, der vorher von der Arbeitsgruppe um Johann Steiner (Magdeburg) für die Schizophrenie beschrieben wurde. Erhöhte NFL-Werte weisen offenbar auf reversible Myelin-Schäden hin. Etwa ein Viertel der Patienten zeigt solche erhöhten Werte; genau diese Gruppe profitiert am stärksten von plastizitätssteigernden Interventionen. Damit wird erstmals eine biologisch definierte Subgruppe sichtbar, die gezielt behandelt werden kann.

Neben Sport identifizierte Falkais Team zwei Medikamente, die die Myelin-Reifung fördern: Clemastin, ein Antiallergikum, und Quetiapin, ein etabliertes Antipsychotikum. „Beide“, so Falkai, „zeigen in ersten Studien deutliche Effekte auf die Normalisierung der Oligodendrozyten-Reifung.“ Eine prospektive klinische Studie soll nun klären, ob Patienten mit hohen NFL-Werten besonders stark von Quetiapin profitieren.

Eine Störung der neuronalen Balance

Für die übrigen rund 50 Prozent der Betroffenen vermutet Falkai eine zusätzliche Störung im Gleichgewicht von Erregung und Hemmung der Nervenzellen. Hier könnte Spironolacton ein neuer therapeutischer Ansatz sein – ein seit langem existierendes, blutdrucksenkendes Medikament, das neuronale Balanceprozesse beeinflusst.

Eine entsprechende Studie ist in Vorbereitung. Peter Falkai hat damit ein dreigeteiltes Modell der Schizophrenie beschrieben: erstens eine Gruppe mit guter Prognose, die kaum Intervention benötigt. Zweitens eine klar identifizierbare Subgruppe mit einer Störung der Myelin-Plastizität, die auf Sport und Quetiapin anspricht. Und drittens eine größere Gruppe mit zusätzlichen neuronalen Dysbalancen, für die neue Therapieansätze entwickelt werden.

Neben der Forschung betont der Jean-Delay-Preisträger die Notwendigkeit, Bewegungstherapie strukturell in die Versorgung zu integrieren – sowohl stationär als auch ambulant. „Wir wissen, dass intensive Bewegung wirkt. Jetzt müssen wir Wege finden, sie regelhaft anzubieten.“

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Prof. Dr. med. Peter Falkai

Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, LMU Klinikum München, Campus Innenstadt